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«Saitenstrassen
- oder die Melodie des Zufalls»
Musik-Roman
von Roland Zoss
über die SEVENTIES. Ein Hippie-Flowerpower-Roadmovie
und eine fulminante Fahrt durchs beste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts!
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Der Songwriter legt mit seinem
Roman - einer musikalisch-literarischen Hommage an den Berner Musiker Micha Blinz - ein fulminates Stück Prosa vor. Wie
ein fantastischer Regenbogen spannt sich die Reise eines Suchenden über den amerikanischen Kontinent von San Francisco
bis nach Rio. Ein Trip in die Träume und Visionen der Love & Peace-Generation.

Der Roman «Saitenstrassen» ist erschienen 1998
im Fischer/Licorne Verlag, ISBN 3-85681-380-2,
CHF 29.80, Euro 20. auch als Online-PDF-Dokument erhältlich
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CD «Saitenstrassen» Deutsch
17 "Best of" Songs
1976-1989

«Härzland» mit "Sehnsucht blau" und
dem Klassiker Walpurgisnacht
2004 Universal Switzerland
Downloads bei ExLibris und iTunes.
Songhören auf mx3. |
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Vier Auszüge aus dem Roman
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Presse-Zitate
«Der Autor verwandelt Sprache in Düfte und Klänge, in Stimmungen
und Landschaften mit eindringlichen, verblüffenden Bildern.»
Literarische
Kommission der Stadt Bern
«Behutsam lässt der Autor die Worte kreisen, überlässt
sich sprachverliebt und detailversessen dem Erzählrausch. Seine Beschreibungen
schmecken und schmerzen, blühen geradezu.»
bruno hächler, music
scene
«Ein
Buch, das die Macht der Musik besingt, den Blues des Unterwegsseins und die Suche
nach Freiheit, gezeichnet in manchmal ungestümen - manchmal poetischen Pinselstrichen
vor dem Hintergrund eines grossen Jahrzehnts.»
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Don Dolores kauerte im Getreideschopf und rüstete den Hühnern das Futter. Er sprach halblaut zu sich selbst und blickte nicht auf, als Micha sich zu ihm setzte.
Ab und zu erhob er sich vom Hocker, um Nachschub zu holen, schlurfte in einen Winkel, wo das geerntete Mais der milpa aufgestapelt war. Ein steinzeitliches Licht lag in der Scheune. Über den Hof wetzten die Ferkel, rannten sich die Köpfe in die Rippen wie die Grossen, vollführten akrobatische Luftsprünge und Schweinetänze. Ab und zu flog eine Handvoll schlechter Körner vor die rosaroten Schnauzen.
«Para comer!» Don Dolores deutete mit einer schmerzlich-komischen Gebärde auf seinen Mund, auf den letzten schwärzlichen Stummel drin. Er lächelte. Sein Lächeln hatte etwas Unzerstörbares, Seliges.
Micha lenkte das Gespräch auf die Maya-Ruinen. Da hoben sich die mürben Augenlider um ein paar Millimeter. Ein schlauer Schimmer überstrahlte Don Dolores’ Furchenmiene:
«Los Mayas. Si, si. Es gibt dort noch andere Ruinen in der Selva. Jenseits vom Fluss. Claro. Schon immer dort … Olvidado. Übersehen von den Gringos».
Er sprach mit einer Langsamkeit, als horche er jedem Wort nach, jedem Echo eines Wortes – bis es wohlbehalten beim Zuhörer angekommen war.
«Si si, Sohn Danielo kennt den Ort. Aber was tausend Jahre unberührt geblieben ist, kann es auch weiterhin bleiben. Bald hat die Selva alles überwachsen. Bald wachsen auch auf meinem Grab Brennesseln. Asi es. Wer ein gutes Leben hat, dem wächst das Unkraut auf dem Grabe!»
Er kicherte, fuhr mit Abkornen fort und sah nicht aus, als ob er noch ein einziges Wort darüber verlieren möchte. Diese Hände! Micha starrte auf die ledrigen Händen, die die Fruchtkolben ergriffen, sie streichelten, entkornten. Es waren die Hände seines Grossvaters. Derselbe Zauber, dasselbe Geheimnis. Das Geheimnis der Langsamkeit.
Er wollte den Bewegungen noch ein Weilchen zusehen, der Sorgfalt, mit der die von Gicht angequollenen Gelenke schafften, mit der die vom Holzen gespaltenen Fingernägel die Samen von den Kolben kratzten. Bald wird die Geduld sich niederlegen, werden diese fleckigen Pergamenthände aussterben. Dann fahren Hektik und Konkurrenzkampf auch in dieses Dorf ein. Die Söhne und Töchter werden nach Guatemala-Stadt abwandern, Mexiko und Miami. Oder sie schaukeln Touristen über den See, verkaufen ihren Körper im Gastgewerbe vermögenden Señores.
Vielleicht ist es besser, dass Don Dolores nicht weiss, was auf seine Sippe, auf Kinder und Kindeskinder zukommt. Der Gedanke, dass die grosse Zeit der Grossväter auch hier abgelaufen war, tat Micha weh. Er kam sich vor wie ein humanitärer Delegierter aus der Zukunft, der tatenlos das Aussterben einer unwiderbringlichen Kultur, einer zähen, grossherzigen und erdverbundenen Generation registrieren musste.
Er durfte alles beobachten und das Verschwinden registrieren, aber er war durch seinen Eid zum Schweigen verurteilt. Also schwieg er, die Hände in den Schoss gelegt, hörte die Stimme der Erde aus Don Dolores Gesten. Spürte die Kraft zwischen dem letzten ausgesprochenen Wort und dem nächsten, das schon sprungbereit auf der Zunge lag. Als er aufstand, entfuhr ihm ein Rülpser. Verschämt blieb er stehen. Don Dolores stiess ihn in die Rippen und grinste:
«Bien habla quien bien calla!» – gut gerülpst ist halb gesprochen!» Seine Äuglein blickten Micha an und durch ihn hindurch in die Ferne, in die er bald gehen würde.
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Don Dolores & Carmen, Flores/Guatemala,1976
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Er
hob die Gitarre aus dem roten Filzbett,
rubbelte die Saiten blank, rollte die Schlafmatte zur Sitzwurst und schob sie
unter sich. Die Fingerspitzen aufs Griffbrett, unwissend durch welche Tonart,
welchen Rhythmus sie schrummten. Im Griffbrett schlummerte ein un-erhörtes,
unerschöpfliches Universum, dem es egal ist, ob es von einem Wissenschaftler
mit musiktheoretischen Kniffen erschlossen wird oder von einem hyperintelligenten
Quantenphysiker. Es ist ihm schnurz, ob es von einem Genie im Schlaf entdeckt
wird oder von einem Musiker am Trottoirrand, der nie Harmonielehre studiert hat
und keinen Schimmer besitzt von der Mathematik der Musik.
Die Klänge nahmen ihn an
der Hand, führten und verführten ihn in die vierte Dimension, dort wo Zeit und
Raum sich zueinanderkrümmen. Auf dem Rhythmus ritt Micha durch die Sphären wie
andere auf Pferderücken und Motorrädern durch ein weites, offenes Land. Eine Reise
ins Vergessen, ins Herz des Sounds, wo nur tänzelnde Leere existiert.
Im Busbahnhof von Sonsonate schwebte eine Mischung von Schweiss, Diesel und Ananas über den süss-sauren
Abfallhaufen verdorbener Früchte. Hier brüteten die grünen Fliegen.
Die Campesinos in ihren weiten, fleckigen Arbeitshosen standen dicht beisammen
unterm Betondach. Die Machete im Gürtel. Eine trostsuchende Herde umzäunt
von der Melancholie des Sonntags. Esperar - warten und hoffen - das ist auf Spanisch
dasselbe. Ganz El Salvador wartete. Der Himmel wartete. Der Acker wartete. Die
Rinder auf der Weide. Die Kartoffeln im Korb. Die Geier in den Ceiba-Bäumen.
Die nagelmageren Kinder warteten, dass ihnen ein Ball zugeworfen wurde; die Arbeiter
auf einen Tagelohn oder einen Bus, der in einer, vielleicht in zwei, vielleicht
auch erst in drei Stunden ankommen würde. Micha schrieb ins Tagebuch:
"Ich wollte nie
zu denen gehören, die ihre Träume verraten.
Ich wollte nie einer werden,
der weiss wo er hingehört.
Ich wollte die Welt umkreisen als Kind, der Sonne
gehören dem Wind.
Dann und wann eine Freundin haben - eine Nacht lang wie
ein Leben.
Und beim Erwachen die Weisheit der Bäume spüren.
Das Busfahren durch Mexiko trug ihn zurück in die Jugend. Zwischen den vorbeihuschenden Oleanderbüschen glaubte er vertraute Gesichter zu sehen: das Mädchen mit dem blonden Haar. Das Mädchen mit den grossen Ohren. Das Mädchen mit der schwarzen Haut. Er schlürfte an seiner Dose Guayaba-Saft, hauchte mit süssem Mund Bild um Bild aus der Vergangenheit. Strich blonde Fransen aus weichen Wangen, öffnete scheue Lippen und wurde selbst geöffnet. Er biss sich noch einmal durch all die Sauerapfel-Erfahrungen hindurch, die er hatte machen müssen. Jugend gärte. Mit Waldklee zwischen den Zähnen, getrieben von Neugier. Gletscher im Bauch und Tränensturzbäche. Lachen, Krachen und selig verstreichende Zeit. Ein Zustand wie schmelzendes Marzipan im Spotlicht der Pubertät.
Da gab es Frauen, die sich wie Geigenbogen an ihn legten, virtuose Körperspielerinnen. Da gab es zarte Wesen mit Löffelbiscuit-Zungen, Feen im Wohnzimmer abwesender Eltern. Wenn sie küssten, starben die Stunden, und in der Vase wuchsen die Tulpen.…

© 1999 Copyright by Roland
Zoss |
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