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«Saitenstrassen - oder die Melodie des Zufalls» von Roland Zoss
Der Musikroman über die Seventies, die Hippie-Zeit von einem, der dabei war.
KCFB Santa Barbara Radio-Interview 1976

«Mit Flowerpower, durchs beste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. Der Songwriter legt mit seinem Roman - einer musikalisch-literarischen Hommage an den Musiker Micha Blinz - ein fulminates Stück Prosa vor. Wie ein Regenbogen spannt sich diese Reise eines Suchenden über den amerikanischen Kontinent von San Francisco nach Rio. Ein Trip in die Träume und Visionen der Love & Peace-Generation. Musik in Buchform.


«Saitenstrassen», 1998 bei Fischer Media, (Werkjahr der Stadt Bern)
ISBN neu: 978-3-9524591-1-9, CHF 29.80, Euro 20.–

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• CD Song-Album
Podcast der Romanlesung mit Roland Zoss & Songs (Solothurner Literaturtage 2010)
E-book: ISBN 978-3-9524591-1-9








 




Grotten Roland
Roland Zoss 1978, Wohngrotte, Liparische Inseln





troubadourmatches



Presse-Zitate

«Der Autor verwandelt Sprache in Düfte und Klänge, in Stimmungen und Landschaften mit eindringlichen, verblüffenden Bildern.»
Literarische Kommission der Stadt Bern



«Behutsam lässt der Autor die Worte kreisen, überlässt sich sprachverliebt und detailversessen dem Erzählrausch. Seine Beschreibungen schmecken und schmerzen, blühen geradezu.»
bruno hächler, music scene


«Ein Buch, das die Macht der Musik besingt, den Blues des Unterwegsseins und die Suche nach Freiheit, gezeichnet in manchmal ungestümen - manchmal poetischen Pinselstrichen vor dem Hintergrund eines grossen Jahrzehnts.»



Los Angeles • 9801 Santa Monica Boulevard • "TROUBADOUR"
Etwas Stolz und etwas Ehrfurcht erfüllen ihn, als er die Klinke der getäferten Holztür niederdrückt. Vor ihm tauchen grosse Namen auf: Pete Seger, Joni Mitchell, Bob Dylan. Am Anschlagbrett neben dem Eingang hängt ein Zettel: Monday musicians may apply at 8 p.m. in the office. Die Uhr auf der gegenüberliegenden Strassenseite blinkt pinkfarbige 20:12. Ein paar Treppenstufen später klingt Michas Song aus dem ersten Stock. Das Fenster steht offen. Er spielt konzentriert, in den Instrumentalpassagen begleitet vom Rauschen des Verkehrs. Sein Lied kommt ihm länger vor als der ganze Santa-Monica-Boulevard. Dann stellt er die Gitarre an die Wand und erwartet das Urteil. «Sounds well – come and play next monday!»
Er hätte aufspringen können, dem Promoter seinen Triumph ins Gesicht jubeln. Im Korridor, da standen sich ein gutes Dutzend lokaler Musiker die Beine in den Bauch und warteten auf ihre Chance. Und er, der “German Songwriter”, der völlig Unbekannte, kriegte sie! Im gelben Taxi liess er sich längelang in den Fond fallen: «Sounds well – sounds well!», und durch sein aufgedrehtes Hirn dröhnte der Applaus des Erfolgs. Mike has made it, wow! Und bereits nuschelte er in Reportermikrofone, grinste in Fotoblitze und futterte dazu tonnenweise Soft-Ice. Er konnte à l’américaine die Beine aufs Pult des Managers strecken, wo aufgeschlagen der Rolling Stone lag, das Musikmagazin. Auf Seite neun die Reportage mit seinem Bild. Geschafft! Nie mehr als Troubadour durch den deutschen Winter trampen, auf der Suche nach Konzerten und Plattenproduzenten. Nie mehr an der Autobahnauffahrt stehen, in Schneewächten bis zum Knie. Weisses kaltes Märchenland. Micha friert nicht. Der türkische Schaffellmantel gibt warm. Aber die Martin-Gitarre im Kasten, ob sie Minusgrade erträgt? Er zieht den Hut tief ins Gesicht gegen den schneidenden Biswind, streckt den Daumen ins Gestöber. Aus einem Mercedes steigt er um in einen Döschwo.
Jede Fahrt und jeder Fahrer ist anders. Anders das Klima, anders der Geruch der Polster, der Rausch des Unterwegsseins. Je nach Gefährt und Gefährten verwandelt sich Micha, sprudelt hier über vor Abenteuerlust – starrt dort stumm wie der Tod in die Schneefetzen, die auf die Windschutzscheibe zutaumeln, weggedrückt werden von der Mechanik der Scheibenwischer. Verloren im Horizont. Das Ziel unwichtig. Nur unterwegs sein. Wach sein, bis zum nächsten Rendezvous mit dem Schicksal. Mit Songs im Kopf und Sätzchen, die Eindruck machen bei den Sekretärinnen, über die er sich in Köln oder Hamburg in die oberen Etagen der Glaspaläste wird hochflunkern müssen. In den Olymp von CBS, WEA und DEUTSCHE GRAMMOPHON. Zu den Geschäftsherren des Klangs, den Zuhältern der Hitparaden, wo jede Minute kostbar ist, jede Unterschrift Ruhm bedeutet – oder hinausgeschmissenes Geld. Wo man von Produkten und Stimmwiedererkennungs-Werten spricht; wo der A&R Manager zwischen zwei Ferngesprächen und einer Schachtel Pralinen das mitgebrachte Demoband beurteilt – Studioarbeit von zwei Wochen. Und einmal im Jahr wird ein Star gemacht.
Als das Taxi vom Freeway nach Tujunga abbog, war er fast hundertprozentig sicher, dass mit der Tür zum TROUBADOUR ein neues Kapitel in seinem Leben aufgeschlagen worden war. Amerika würde sein Talent erkennen. Nie mehr müsste er sich auf fremden Sofas in schlecht geheizten Künstlerbuden die Nacht um die Ohren schlagen. Da ein quickes Radiointerview, dort ein Fünfmarkstück in den Hut des netten Strassenmusikers, eine warme Umarmung mit auf den Weg, ein anerkennendes Lächeln, von dem man wieder ein paar Tage, ein paar Strophen lang zehren kann. A star is born.


Lago Peten / Guatemala
Don Dolores kauerte
im Getreideschopf und rüstete den Hühnern das Futter. Er sprach halblaut zu sich selbst und blickte nicht auf, als Micha sich zu ihm setzte. Ab und zu erhob er sich vom Hocker, um Nachschub zu holen, schlurfte in einen Winkel, wo das geerntete Mais der milpa aufgestapelt war. Ein steinzeitliches Licht lag in der Scheune. Über den Hof wetzten die Ferkel, rannten sich die Köpfe in die Rippen wie die Grossen, vollführten akrobatische Luftsprünge und Schweinetänze. Ab und zu flog eine Handvoll schlechter Körner vor die rosaroten Schnauzen.
«Para comer!» Don Dolores deutete mit einer schmerzlich-komischen Gebärde auf seinen Mund, auf den letzten schwärzlichen Stummel drin. Er lächelte. Sein Lächeln hatte etwas Unzerstörbares, Seliges.
Micha lenkte das Gespräch auf die Maya-Ruinen. Da hoben sich die mürben Augenlider um ein paar Millimeter. Ein schlauer Schimmer überstrahlte Don Dolores’ Furchenmiene:
«Los Mayas. Si, si. Es gibt dort noch andere Ruinen in der Selva. Jenseits vom Fluss. Claro. Schon immer dort … Olvidado. Übersehen von den Gringos». Er sprach mit einer Langsamkeit, als horche er jedem Wort nach, jedem Echo eines Wortes – bis es wohlbehalten beim Zuhörer angekommen war.
«Si si, Sohn Danielo kennt den Ort. Aber was tausend Jahre unberührt geblieben ist, kann es auch weiterhin bleiben. Bald hat die Selva alles überwachsen. Bald wachsen auch auf meinem Grab Brennesseln. Asi es. Wer ein gutes Leben hat, dem wächst das Unkraut auf dem Grabe!»
Er kicherte, fuhr mit Abkornen fort und sah nicht aus, als ob er noch ein einziges Wort darüber verlieren möchte. Diese Hände! Micha starrte auf die ledrigen Händen, die die Fruchtkolben ergriffen, sie streichelten, entkornten. Es waren die Hände seines Grossvaters. Derselbe Zauber, dasselbe Geheimnis. Das Geheimnis der Langsamkeit.
Er wollte den Bewegungen noch ein Weilchen zusehen, der Sorgfalt, mit der die von Gicht angequollenen Gelenke schafften, mit der die vom Holzen gespaltenen Fingernägel die Samen von den Kolben kratzten. Bald wird die Geduld sich niederlegen, werden diese fleckigen Pergamenthände aussterben. Dann fahren Hektik und Konkurrenzkampf auch in dieses Dorf ein. Die Söhne und Töchter werden nach Guatemala-Stadt abwandern, Mexiko und Miami. Oder sie schaukeln Touristen über den See, verkaufen ihren Körper im Gastgewerbe vermögenden Señores.
Vielleicht ist es besser, dass Don Dolores nicht weiss, was auf seine Sippe, auf Kinder und Kindeskinder zukommt. Der Gedanke, dass die grosse Zeit der Grossväter auch hier abgelaufen war, tat Micha weh. Er kam sich vor wie ein humanitärer Delegierter aus der Zukunft, der tatenlos das Aussterben einer unwiderbringlichen Kultur, einer zähen, grossherzigen und erdverbundenen Generation registrieren musste.
Er durfte alles beobachten und das Verschwinden registrieren, aber er war durch seinen Eid zum Schweigen verurteilt. Also schwieg er, die Hände in den Schoss gelegt, hörte die Stimme der Erde aus Don Dolores Gesten. Spürte die Kraft zwischen dem letzten ausgesprochenen Wort und dem nächsten, das schon sprungbereit auf der Zunge lag. Als er aufstand, entfuhr ihm ein Rülpser. Verschämt blieb er stehen. Don Dolores stiess ihn in die Rippen und grinste:
«Bien habla quien bien calla!» – gut gerülpst ist halb gesprochen!» Seine Äuglein blickten Micha an und durch ihn hindurch in die Ferne, in die er bald gehen würde.

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Er hob die Gitarre aus dem roten Filzbett, rubbelte die Saiten blank, rollte die Schlafmatte zur Sitzwurst und schob sie unter sich. Die Fingerspitzen aufs Griffbrett, unwissend durch welche Tonart, welchen Rhythmus sie schrummten. Im Griffbrett schlummerte ein un-erhörtes, unerschöpfliches Universum, dem es egal ist, ob es von einem Wissenschaftler mit musiktheoretischen Kniffen erschlossen wird oder von einem hyperintelligenten Quantenphysiker. Es ist ihm schnurz, ob es von einem Genie im Schlaf entdeckt wird oder von einem Musiker am Trottoirrand, der nie Harmonielehre studiert hat und keinen Schimmer besitzt von der Mathematik der Musik.
Die Klänge nahmen ihn an der Hand, führten und verführten ihn in die vierte Dimension, dort wo Zeit und Raum sich zueinanderkrümmen. Auf dem Rhythmus ritt Micha durch die Sphären wie andere auf Pferderücken und Motorrädern durch ein weites, offenes Land. Eine Reise ins Vergessen, ins Herz des Sounds, wo nur tänzelnde Leere existiert.


Im Busbahnhof von Sonsonate schwebte eine Mischung von Schweiss, Diesel und Ananas über den süss-sauren Abfallhaufen verdorbener Früchte. Hier brüteten die grünen Fliegen. Die Campesinos in ihren weiten, fleckigen Arbeitshosen standen dicht beisammen unterm Betondach. Die Machete im Gürtel. Eine trostsuchende Herde umzäunt von der Melancholie des Sonntags. Esperar - warten und hoffen - das ist auf Spanisch dasselbe. Ganz El Salvador wartete. Der Himmel wartete. Der Acker wartete. Die Rinder auf der Weide. Die Kartoffeln im Korb. Die Geier in den Ceiba-Bäumen. Die nagelmageren Kinder warteten, dass ihnen ein Ball zugeworfen wurde; die Arbeiter auf einen Tagelohn oder einen Bus, der in einer, vielleicht in zwei, vielleicht auch erst in drei Stunden ankommen würde. Micha schrieb ins Tagebuch:

"Ich wollte nie zu denen gehören, die ihre Träume verraten.
Ich wollte nie einer werden, der weiss wo er hingehört.
Ich wollte die Welt umkreisen als Kind, der Sonne gehören dem Wind.
Dann und wann eine Freundin haben - eine Nacht lang wie ein Leben.
Und beim Erwachen die Weisheit der Bäume spüren.

© 1999 Copyright by Roland Zoss 






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Don Dolores & Carmen, Flores/Guatemala,1976

 

 

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«Härzland» Rockpoesie

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